Wenn die Lehraufträge abgeschafft werden …

imagesEine Kollegin hat zu dem Beitrag “Aufruf zum Aktionstag” auf diesem Blog den folgenden Kommentar geschickt: “Ich  werde mich nicht am Aktionstag beteiligen. Im Prinzip sind die Forderungen sinnvoll, aber ich bin nicht altruistisch genug, mich gegen meine eigenen Interessen einzusetzen. Sollte die Hauptforderung, “Dauerstellen für Daueraufgaben” erfüllt werden, so würden diese Stellen ausgeschrieben. Sie gingen dann wahrscheinlich an 30-jährige mit Promotion, und nicht an diejenigen, die die Arbeit seit vielen Jahren machen. Das ist sicher im Interesse der festangestellten Mitarbeiter (billige Konkurrenz fällt weg) und im Interesse der jetzt Promovierenden (es gibt neue Stellen), nicht aber im Interesse von denjenigen, die jetzt von ihrer prekären Beschäftigung leben. So bekäme ich wahrscheinlich keine Stelle. Ich arbeite seit über 10 Jahren als ausgebeutete Lehrbeauftragte. Diese prekäre Beschäftigung ist mir immer noch lieber als gar keine.“ Dieser Kommentar weist auf ein reales Problem, das sicher auch andere Kolleg*innen betrifft, und zu dem ich versuchen möchte, einige Antworten zu geben.

In erster Linie muss daran erinnert werden, dass zu den Forderungen des Aktionstag nicht nur die Einführung von regulären Beschäftigungsverhältnissen anstelle von Lehraufträgen, sondern auch eine bedeutende Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Lehrbeauftragten gehört: “Die Lehrauftragsentgelte müssen in Anlehnung an die Vergütung der hauptamtlichen Beschäftigten nach TV-L berechnet werden, die vergleichbare Aufgaben erfüllen. Der Aufwand, der mit Lehrveranstaltungen tatsächlich entsteht, muss angemessen berücksichtigt werden. Das heißt, die Vergütung muss auch begleitende sowie Folgetätigkeiten einschließen.”

Weder diese Verbesserungen noch die Einführung der regulären Beschäftigungsverhältnisse sind leicht und schnell durchzusetzen. Der Weg dahin wird auf jeden Fall lange dauern. Aber wenn es gut läuft, müssen wir mit den Hochschulen und dem Senat darüber verhandeln, welcher Wert der Unterrichtserfahrung von Lehrbeauftragten bei ihren Bewerbungen zu zumessen sein wird.

Die Erfahrungen der Musiklehrbeauftragten haben bis jetzt gezeigt, dass die Rektor*innen auf die “beste Auslese” nicht verzichten wollen, d.h., dass sie die unmittelbare Übernahme der Lehrbeauftragten auf die Stellen ablehnen. Aber zum einen  muss es nicht immer so bleiben und zum anderen muss diskutiert werden, was die “besten” ausmacht und wie viel die Unterrichtserfahrung dabei zählt.

Aber die Angst, die der Kommentar der Kollegin ausdrückt, ist ernst zu nehmen, weil die Lage der Lehrbeauftragten so vollständig ungeschützt ist, dass jede Veränderung eher eine Bedrohung als eine Chance darstellen kann.

Die eigene Qualifikation und Weiterbildung spielen für die Perspektiven der Lehrbeauftragten eine wichtige Rolle. Viele Lehrbeauftragte, die seit Jahren oder Jahrzehnten unter den bekannten schlechten Bedingungen unterrichten, haben sich in dieser Zeit weder qualifiziert noch weitergebildet. Das kann am Zeitmangel, an der Schwierigkeit, als Lehrbeauftragte zu den Weiterbildungsangeboten Zugang zu finden, oder am Mangel an Motivation liegen. In der Tat kann man*frau sich zu Recht fragen, ob es lohnt, sich auch formell zu qualifizieren, wenn man*frau die Arbeit sowieso kann und schon lange macht. Aber diese Einstellung kann Nachteile mit sich bringen.

Als letztes Argument möchte ich diese Kollegin daran erinnern, dass auch nichts zu machen nicht garantiert, dass der Lehrauftrag Jahr ein  Jahr aus  vergeben wird. Ohne Angabe von Gründen kann es einer(m) langjährigen Lehrbeauftragten jederzeit passieren, dass sie bzw. er im kommenden Semester plötzlich keine Stunden mehr bekommt. Daher scheint es mir nicht “altruistisch”, etwas gegen diesen Zustand zu unternehmen.

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