„Professor Prekär“: Zur Kleinen Anfrage des Abgeordneten Schlede (CDU) an den Senat

berlin_baerEin lesenswerter Artikel im Tagesspiegel („Professor Prekär“) hat das öffentliche Interesse für die Arbeits- und Lebenssituation der Lehrbeauftragten, die an den (Fach- ) Hochschulen, Musikhochschulen und Sprachenzentren der Universitäten 30 bis über 50 Prozent des Lehrdeputats abdecken, wieder erweckt.

Die Antwort des Staatssekretärs Dr. Nevermann im Namen des Senats ist m.E. ein Beispiel dafür, dass in der Senatsverwaltung entweder Unkenntnis über die tatsächlichen (Arbeits-) Bedingungen an den Hochschulen herrscht oder aber keine Bereitschaft besteht, sich damit offen auseinanderzusetzen. Denn die Bemerkungen des Staatssekretärs bewegen sich weitgehend auf der Ebene der gesetzlichen Form, beziehen sich nur auf einen Teil der Frage und erwecken damit den Eindruck, durch nichtssagende Äußerungen den Fragesteller „abwimmeln“ zu wollen.

Die Kleine Anfrage kann hier eingesehen werden: KlAnfrage_140402_17-13454

Der ersten Aussage in der Antwort des Staatssekretärs Nevermann ist sicher zuzustimmen: „Bei der Gruppe der Lehrbeauftragten an den Hochschulen geht es um einen sehr heterogenen Personenkreis“. Nach Auffassung des Berliner Senats besteht aber dieser Personenkreis nur aus zwei Gruppen: denjenigen, die einer anderweitigen Beschäftigung nachgehen, und den Promotionsstipendiat*innen, die Lehrerfahrungen sammeln wollen.

Hinsichtlich der ersten Gruppe ist wenig einzuwenden: Für sie sind die Lehraufträge als „Nebentätigkeit“ ja gedacht, d.h. sie sind anderweitig sozialversichert und von den Lehraufträgen wirtschaftlich nicht abhängig.

Für die zweite Gruppe, die jungen Wissenschaftler*innen, ist die Situation anders: Viele von ihnen wollen Lehrerfahrungen sammeln, und für diejenigen, die mit Stipendien promovieren, stellen die Lehraufträge zudem eine Verbindung zur Hochschule dar. Die Lehraufträge, welche junge Wissenschaftler*innen übernehmen, werden aber – auch nach der letzten Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes – oft nicht vergütet.

Wenn es eine Vergütung gibt, betrifft sie bekannterweise nur die tatsächlich erteilten Unterrichtseinheiten und nicht den Aufwand, der mit Lehrveranstaltungen tatsächlich entsteht: Vor- und Nachbereitung der Lehrveranstaltungen, Korrekturen sowie Betreuung und Beratung der Studierenden, Durchführung von Tests sowie Formen der online-Lehre. Eine didaktische und fachliche Betreuung für die Lehre ist nicht vorgesehen.

Es ist unbestreitbar, dass, wer eine akademische Karriere einschlagen will, nicht nur forschen, sondern auch lehren muss. Daher sollen den jungen Wissenschaftler*innen Stellen mit Lehrverpflichtung zur Verfügung stehen. Hingegen wird vielen von ihnen nur eine schlechte Möglichkeit angeboten: wenig bis unbezahlte Lehraufträge ohne Betreuung und ohne Beiträge zur Sozialversicherung. Letzteres ist nicht zu unterschätzen, da die Stipendiat*innen die Kosten der Krankenversicherung selbst tragen müssen.

Mit der Äußerung des Staatssekretärs, dass „nicht ausgeschlossen werden kann, dass die daraus ( = aus den Lehraufträgen) erzielten Einkünfte in einigen Fällen einen bedeutsamen Bestandteil des Gesamteinkommens der betreffenden Person ausmachen“, wird verschleiert, dass es de facto eine von den Hochschulen nie vorgesehene und daher ignorierte dritte Gruppe von Lehrbeauftragten gibt, die überwiegend bis ausschließlich von diesen Aufträgen leben. Sie sind besonders an den Musikhochschulen, (Fach-)Hochschulen und den Sprachenzentren anzutreffen (s.o.) und haben berechtigte Existenzängste aus wohlbekannten Gründen:

1- Die von Dr. Nevermann zitierte vom Senat 2007 festgelegte Untergrenze von 21,40 € pro Unterrichtsstunde ist sehr niedrig für eine hochqualifizierte Arbeit. Er ist außerdem kein Stundenlohn, sondern die Betriebseinnahme für eine Unterrichtseinheit. Alles, was dazu notwendig ist (s.o.), wird damit pauschal abgegolten.

2- Nicht nur ist die Vergütung niedrig, sondern davon muss der*die Lehrbeauftragte die erheblichen Kosten der Kranken- und Rentenversicherung selbst zahlen; die Hochschulen zahlen keinen Anteil, da eben von der Fiktion ausgegangen wird, dass die Lehrbeauftragten selbstständig seien.

3- Wie viele Kurse ein*e Lehrbeauftragte*r im folgenden Semester haben wird, ist schwer im Voraus zu wissen; daher übernehmen die meisten Lehrbeauftragten so viele Kurse wie möglich bei unterschiedlichen Einrichtungen, was dazu führt, dass durch die ständige Überlastung die körperliche und psychische Gesundheit Schaden nimmt.

4- Der Lehrauftrag kann ohne Angabe von Gründen entzogen bzw. nicht wieder vergeben werden.

Wie hoch die Zahl der Angehörigen dieser dritten Gruppe – der „hauptberuflichen“ Lehrbeauftragten – ist, weiß der Senat nicht, wie auch die Antwort auf eine vorigeKleine Anfrage belegt hat.

Aber Hinweise gibt es: Die Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen hat eine Umfrage durchgeführt, die die bequeme Überzeugung widerlegt hat, nach der die Musiklehrbeauftragten i.d.R. eine Anstellung bei einem Orchester u. ä. haben. 70% der Befragten wünschen sich hingegen eine Anstellung an den Hochschulen, da sie eben keine andere haben.

Das gleiche gilt, soweit mir aus Erfahrung bekannt ist, weitgehend auch für die Lehrbeauftragten an den (Fach-)Hochschulen und den Sprachenzentren, obwohl es keine vergleichbaren Untersuchungen dazu gibt.

Aber wir laden Herrn Dr. Nevermann und andere interessierte Abgeordnete ein, einmal die Vorlesungsverzeichnisse mit den Listen der nebenamtlichen Dozent*innen abzugleichen, um sich ein Bild zu machen, wie viele und welche Kurse diese an verschiedenen Hochschulen leiten. Und dann könnten sie durch einen kleinen Besuch an  den Hochschulen mehr über die Lebenssituation und die Arbeitsbedingungen der Lehrbeauftragten erfahren – wobei vieles bereits aus dem anfangs erwähnten Artikel im Tagesspiegel hervorgeht.

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