Antwort auf eine Kleine Anfrage über die Lehrbeauftragten

Berliner Abgeordnetenhaus (Quelle: Wikipedia)

Am 10. Februar 2014 hat der Berliner Senat eine kleine Anfrage über die Lehrbeauftragten an den Berliner Hochschulen beantwortet, die der Abgeordnete Lars Oberg (SPD) im November 2013 gestellt hatte. Diese ist nicht die erste kleine Anfrage über dieses Thema und leider sind die Antworten alles anderes als neu.
Insgesamt hat sich wenig in dem betrachteten Zeitraum (2008-13)  geändert: Die Lehraufträge spielen weiterhin eine große Rolle in der Lehre (über 30%) an den künstlerischen und technischen Hochschulen sowie an den Sprachenzentren. Auch an den drei Universitäten sind die Lehraufträge verbreitet und teils unbezahlt. Wo bezahlt wird, ist die Vergütung weiterhin sehr schlecht. An allen Hochschulen gibt es regelmäßig den Fall, dass dieselben Lehrbeauftragten seit mehreren Semestern tätig sind, also dauerhaft Lehre anbieten. Zudem bestätigt die Antwort auf die Kleine Anfrage, dass die vorhandenen Daten über die Lehrbeauftragten absolut unbefriedigend sind – ein weiteres Zeichen der fehlenden Anerkennung.

Wer die Situation direkt kennt, dem drängt sich die Frage auf, wie zuverlässig die Zahlen sind. In der Antwort des Senats wird selbst erklärt, dass sie unvollständig sind, da die TU keine Daten mitgeteilt hat und der Kürzel „k.A.“ immer wieder vorkommt. Aber auch wo Zahlen erscheinen, ist es legitim, sich zu fragen, wie diese von den Hochschulen erhoben werden. Auf den Formularen für die Lehraufträge wird z.B. nicht gefragt, ob die Lehrbeauftragten eine hauptberufliche, versicherungspflichtige Tätigkeit ausüben – dennoch nennt die Antwort des Senats hier konkrete Zahlen.

Der Umfang von Lehraufträgen an den Unis und Hochschulen

In der ersten Frage (Anlage 1) geht es um die Anzahl der Lehrbeauftragten und ihre Entwicklung seit 2008. Hier ist das Bild für die Universitäten und für die anderen Hochschulen unterschiedlich, wobei sich die Universitäten vor allem durch die vielen fehlenden Angaben auszeichnen. An der FU werden Angaben über die Zahl der Lehrbeauftragten erst gesammelt, nachdem 2011 die Vertreter*innen des Mittelbaus im Akademischen Senat hier selbst eine Antwort eingefordert haben. An den künstlerischen Hochschulen ist im betrachteten Zeitraum eine leichte Abnahme der Anzahl der Lehrbeauftragten zu verzeichnen, an den sonstigen Hochschulen hingegen eine Zunahme, die an der Alice-Salomon-Hochschule dramatisch ist.

Die schönste Tabelle ist zweifelsohne in der Anlage 2 zu finden: Auf die Frage „Wie viele Lehrbeauftragte in keinem hauptberuflichen Arbeits- oder Dienstverhältnis stehen“ ist k.A. längst die häufigste Antwort. Wie oben gesagt, wundert es eher, dass es überhaupt Antworten gibt. Die Frage ist jedoch zentral, denn eine Rechtfertigung der Universitäten für die schlechte Bezahlung der Lehraufträge ist regelmäßig, dass es sich dabei ja um „Praktiker“ handele, die in einem festen Arbeitsverhältnis stehen. Dass dem schon längst nicht mehr so ist, ist jedem Menschen klar, der die Augen davor nicht verschließen möchte.

In der Anlage 3 geht es um die Frage nach dem Anteil am Lehrangebot, welches durch Lehrbeauftragte abgedeckt wird. Auch hier unterscheidet sich die Situation zwischen den drei Universitäten und den anderen Hochschulen: Erstere stellen wenige Daten zu Verfügung, scheinen aber unter 20% zu liegen. Letztere weisen Anteile zwischen 30% und 48% auf.

In der Anlage 4 und 5 sollen die Angaben getrennt nach Fakultäten und Sprachenzentren ermittelt werden. Auch hier fehlen die meisten Angaben. Nicht alle Hochschulen haben ein Sprachenzentrum, aber wo es eines gibt, wird zwischen 36% und 73% der Lehre von Lehrbeauftragten abgedeckt. Das ist keine Überraschung, aber damit nicht weniger problematisch.

Lehraufträge als Dauerbeschäftigung – bei miesem Honorar

Die Anlage 6 beantwortet die Frage nach der Anzahl von Semestern, an denen Lehrbeauftragte an der jeweiligen Hochschulen tätig sind; vorgesehen sind Antworten von „1“ bis „mehr als 4“. Die letzte Option wurde mit 2056 Antworten am häufigsten gewählt. Aber die Anmerkungen zeigen, dass die Zahlen sogar noch geschönt sind. So ist für die HU zu erfahren: „Lehrbeauftragte können als Personen aufgrund der Erhebungsart an der HU in vielen Fällen nicht eindeutig identifiziert werden. Ist dies der Fall, sind die entspr. Lehrbeauftragten als nur ein Semester tätig ausgewiesen, obgleich sie möglicherweise schon länger an der HU tätig sind/waren.“

In der Anlage 7 geht es schließlich um die Höhe des Honorars: Das allgemeine Bild ist sehr deprimierend. Im Detail ist anzumerken, dass die Honorare an den Hochschulen und an der UdK höher sind als an den drei Universitäten. Nur an der Beuth, HTW, HWR und ASH stellen Honorare von über 30 € pro Unterrichtseinheit den häufigsten Fall. An den Universitäten sind die unbezahlten Lehraufträge noch verbreitet (281 an der FU und 198 an der HU), obwohl sie das Hochschulgesetz nach der Novellierung von 2011 einschränken wollte. Mit dem Honorar (so es denn gezahlt wird) sind in der Regel auch sämtliche Betreuungs- und Prüfungsleistungen abgegolten, Sozialversicherungsbeiträge sind nicht enthalten.

Die Frage „Welchen Anteil des von Lehrbeauftragten erbrachten Lehrdeputats am Gesamtlehrdeputat der Hochschulen hält der Senat … für vertretbar?“ ließe sich nach Meinung der Senatsverwaltung nicht pauschal beantworten: „Während in einigen Fächergruppen das Regellehrdeputat möglichst durch festangestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erbracht werden sollte, ist in anderen Bereichen die Einbeziehung von Lehrbeauftragten, die beispielsweise einen engen Bezug zu praktischen Berufsfeldern mitbringen … durchaus sinnvoll und wünschenswert.“ (Eigene Hervorhebung) Aber „die Verantwortung liegt jedoch vorrangig bei den Hochschulen“, sagt die Senatsverwaltung, ohne dabei die prekäre Finanzierung der Hochschulen zu thematisieren.

Trotz ihrer eingeschränkten Aussagekraft bestätigen die Zahlen der Senatsverwaltung, was aus direkter Erfahrung bekannt ist: Eine so hohe Anzahl von Lehraufträgen lässt sich mit einem Kenntnis-Transfer aus den praktischen Berufsfeldern an die Hochschulen nicht erklären. Es handelt sich vielmehr in der Mehrzahl um für die Betroffene prekäre, aber für die Hochschulen sehr preiswerte und flexible Arbeitsverhältnisse, ohne die weite Bereiche der Hochschullehre nicht aufrecht erhalten werden könnten. So ehrlich wollte man dann jedoch von offizieller Seite doch nicht sein.

 

Die Kleine Anfrage kann hier eingesehen werden: KL_Anfrage_17-12848_LB_140210

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